Design zwischen Sticker und KI

OFFF Festival Barcelona

Design zwischen Sticker und KI

Marina Willer ist vieles: Designerin, Brasilianerin, Partnerin bei Pentagram London – und vor allem eine Stimme für ein Design, das Haltung zeigt. Sie ist eine Geschichtenerzählerin, die Marken und Projekte durch eine einzigartige Mischung aus Kreativität, Technologie und menschlicher Intuition zum Leben erweckt.

Zentral für Willers Erfolg ist ihr internationales Team bei Pentagram – ein «kreativer Fruchtsalat», wie sie es selbst nennt. Vertreter aus Portugal, Brasilien, Hong Kong, Amerika, Bulgarien und England bringen nicht nur unterschiedliche Nationalitäten, sondern auch vielfältige Perspektiven mit. Diese Diversität sieht Willer als Schlüssel zu innovativem Design: Jedes Teammitglied bringt seine eigene kulturelle Prägung und künstlerische Herangehensweise ein, wodurch Projekte an Tiefe und Authentizität gewinnen.

In ihrem inspirierenden Vortrag beim renommierten OFFF Festival in Barcelona teilt Willer einen Designansatz, der weit über digitale Werkzeuge hinausgeht. Ihre Arbeit ist eine Symphonie verschiedener Methoden – von Cyanotypie und Stickern bis hin zu KI und Projektionen. Jedes Projekt wird als individuelle Erzählung behandelt, deren Methode direkt aus dessen Kern entsteht.

 

Projekteinblicke

Natural History Museum

Als das Museum erkannte, dass es mehr sein musste als ein statischer Katalog der Naturgeschichte, suchte es nach einer visuellen Identität, die seine Mission zur Planetenrettung widerspiegelt. Das Pentagramm-Team verstand: Ein Symbol musste her, das die Komplexität des Museums – von Dinosaurier-Ausstellungen bis zu wissenschaftlicher Forschung – vereint. Willers Ansatz: Ein flexibles, generatives Design, das die Vielfalt der Natur selbst reflektiert. Das Ergebnis war ein dynamisches Symbol, das Besucher nicht nur informiert, sondern zu Aktivisten für den Planeten inspiriert.

Brasilianische Moderne im Royal Academy Museum

Als Brasilianerin nutzte Willer ihre tiefe Verbindung zu ihrer Heimat, um eine Ausstellung zu gestalten, die die Geburt des brasilianischen Modernismus zelebriert. Mit minimalen Ressourcen und nur online verfügbaren Bildern schuf das Pentagramm-Team einen kraftvollen visuellen Eindruck. Die Ausstellung im Royal Academy Museum erzählte die Geschichte einer progressiven Kunstperiode durch mutige Typografie und ausdrucksstarke Farbgestaltung. Jeder Raum wurde wie eine Seite eines Magazins gestaltet, die die Dynamik und Sophistication der brasilianischen Moderne zum Leben erweckte. Willers persönliche Verbindung zu Brasilien und ihre Leidenschaft für die Periode schimmerten durch jedes gestalterische Detail.

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©Pentagram

«Design kann mehr sein als Kommunikation – es kann Transformation sein.»

Marina Willer, Ort

Natural History Museum Frauenrechte in Nordkorea

Konfrontiert mit der nahezu unsichtbaren Unterdrückung nordkoreanischer Frauen, entwickelte das Team eine Kampagne, die Unsichtbarkeit sichtbar macht. Die Herausforderung: Mit minimalen Ressourcen maximale Aufmerksamkeit erzeugen. Inspiriert von Zensur-Ästhetik und Graffiti-Kultur schufen sie Visuals, die Gewalt und Hoffnung gleichzeitig transportieren. Jedes verdeckte Gesicht, jede Farbschattierung erzählt eine Geschichte von Widerstand und Würde.

Sight and Sound Magazin

Vor der Herausforderung, ein historisches Kulturmagazin zu modernisieren, ohne seine Seele zu verlieren, tauchte das Pentagramm-Team tief in die Archive. Ihr Ziel: Die DNA des Magazins nicht ersetzen, sondern neu interpretieren. Durch sorgfältige Rekonstruktion historischer Schriftzüge gelang es ihnen, eine Brücke zwischen Tradition und Moderne zu bauen – ein Design, das sowohl Sammler als auch neue Leser anspricht.

Moholy-Nagy Stiftung

Die Aufgabe war, das Erbe eines Künstlers zu ehren, der die Grenzen zwischen Fotografie, Film, Typografie und Skulptur bewusst auflöste – ein Pionier des interdisziplinären Denkens und Gestaltens. Willers Team entwickelte eine visuelle Identität, die Moholy-Nagys experimentelle Natur nicht nur zitiert, sondern weiterdenkt. Anstelle digitaler Renderings entschieden sie sich für eine analoge Methode: Lichtprojektion durch Wasser. In diesem Prozess wurden Buchstabenformen auf transparente Folien gezeichnet und unter Wasser beleuchtet – das Licht bricht sich an der Bewegung der Oberfläche, verzerrt die Typografie und erschafft flüchtige, organische Formen. Jede entstehende Komposition wurde fotografisch festgehalten – nicht wiederholbar, nicht korrigierbar, nur im Moment existent. Es ist ein Tanz zwischen Zufall und Präzision – eine visuelle Metapher für Moholy-Nagys Suche nach dem Zusammenspiel von Mensch, Maschine und Medium.

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©Pentagram
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©Pentagram

Grenfell Tower Charity

Nach der Brandkatastrophe im Grenfell Tower, die eine ganze Gemeinschaft erschütterte, brauchte die Charity eine Identität, die Heilung und Widerstandsfähigkeit symbolisiert. Das Pentagram-Team wählte Cyanotypie mit lokalen Pflanzen – eine Technik, die Wachstum aus Verwüstung zeigt. Blätter und Samen wurden zu Symbolen der Hoffnung, jede Anwendung ein stilles Versprechen der Erneuerung.

Technologie sieht Willer als Werkzeug, nicht als Meister. Sie warnt vor der Gefahr, von Technologie vereinnahmt zu werden, und plädiert für einen menschenzentrierten Ansatz. Kreativität ist für sie keine Neun-zu-Fünf-Arbeit, sondern eine Lebenseinstellung – vom Sammeln von Zweigen bis zum Malen von Kieselsteinen.
Eine besondere Leidenschaft von Willer sind Sticker – eine scheinbar banale Obsession, die tief in ihrer kreativen Philosophie verwurzelt ist. Für sie sind Sticker mehr als nur Dekoration, sie sind eine Form der Meditation, der Spontaneität und der Freude. «Es ist eine Therapie», erklärt sie, «eine Möglichkeit, den Geist zu beruhigen und Kreativität in den Alltag zu bringen». Ob beim Dekorieren von Räumen, beim Gestalten von Menükarten oder als persönliche Ausdrucksform – Sticker sind für Willer ein Werkzeug, um Geschichten zu erzählen, Emotionen zu transportieren und dem Alltäglichen eine spielerische Dimension zu geben.

Marina Willers Rat an junge Designer

Neugierig bleiben, Inspiration in ungewöhnlichen Orten suchen und die eigene Geschichte in die Arbeit einfliessen lassen. Denn am Ende geht es nicht um perfekte Pixel, sondeyrn um bedeutungsvolle Geschichten.

Takeaways

• Diversität ist der Schlüssel zu innovativem Design
• Kreativität entsteht durch Neugier und unkonventionelle Methoden
• Technologie ist ein Werkzeug, nicht der Meister
• Jedes Projekt braucht eine einzigartige, kontextbezogene Designsprache
• Menschlichkeit und Empathie sind wichtiger als perfekte Pixel

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